2006

 

Seated ModelSeated ModelSeated ModelSeated ModelSeated Model

 

"Wie immer er das Ritual gestaltet, der Künstler handelt unter Wiederholungszwang der Individuation: Er muß, stellvertretend für alle, die schmerzhaften Nachwehen in den Narben, die die Arbeit am Ich zurückließ, immer und immer wieder aufrühren." (Beat Wyss, Der Wille zur Kunst).


Die Arbeit seated model beschäftigt sich mit einem spezifischen Modell des Künstlerbildes: ein Archetyp, der seine Wurzeln in den Künstlerbiographien der Neuzeit hat und eine Art Matrix für die Lebensentwürfe vieler Kunstschaffender innerhalb des abendländischen Kulturkreises im Verlauf der letzten Jahrhunderte bildete. Es geht um den inzwischen häufig als veraltet bezeichneten Entwurf der gebrochenen, leidenden Künstlerpersönlichkeit, die sich selbstherrlich in den Mittelpunkt ihres künstlerischen Weltentwurfs stellt. Ein Modell, das innerhalb der Kunstkreise vordergründig in Misskredit zu geraten scheint, aber dennoch- zeitgenössische Erschienungsformen annehmend – sogar in andere Berufsbilder diffundiert. Die moderne Arbeitspraxis vieler Berufe, vor allem in kreativen, forschenden und entwickelnden Arbeitsfeldern, verlangt von den Ausübenden einen sich selbst ausbeutenden Zeit- und Energieaufwand, der Körper und Geist häufig an die Grenze der Erschöpfung treibt, parallel zu einem gesteigerten Empfinden der eigenen Wichtigkeit und produktiven Präsenz.


In der Art der seriellen Darstellungsform, dem sachlichen Aufnahmegestus und der deklinierenden Inszenierungsstrategie formuliert die Arbeit eine untersuchende, ironische Distanz zum Thema. Dennoch beruht die Inszenierung auf einer „wahren" Begebenheit. Zwischen verschiedenen Terminen hin- und her hetzend, natürlich für diversen Kunstprojekte hat sich Alba D'Urbano das Bein gebrochen, um anschließend im Rollstuhl sitzend über den Zusammenhang von unglücklichen Verknüpfungen nach zu denken, um ganz allgemein das alte Thema der Projektionsfläche zu reflektieren, die der Künstler bzw. die Künstlerin zwischen Selbstentscheidung und Rollenübernahme vielleicht trotz aller Ironie und kritischer Metaebene ausfüllt. Auf alle Fälle könnte seated model eine Frage aufwerfen, die zwischen Aneignung, Verwerfung und Neuinterpretation pendelt. Die Künstlerin wird zum Modell, sie sitzt stellvertretend und Kunst produzierend auf dem Rollstuhl wie auf einem Thron, bereit zur Ehrung durch die Fotografie (der Fotografin Tina Bara) in deren gebrochener Scheinheiligkeit.


Wie in anderen Arbeiten reflektieren die Künstlerinnen Zusammenhänge zwischen Kunstproduktion und Körpereinschreibung, performativer Darstellungspraxis und medialer Bild- und Kunstgeschichte. Die Verwendung und Aneignung von anderen Kunstwerken und „Hintergründen" für die eigene künstlerische Produktion und Aussage tritt hier ebenfalls als eindeutige künstlerische Strategie hervor. Der Hintergrund für seated model ist ein Fresco des Künstlers Martin Figura realisiert 1999 für die Wohnung von Alba D'Urbano. Eine Arbeit, die auf Architekturzeichnungen von Leon Battista Alberti beruht und die Modellfunktion von Naturelementen in Beziehung zu architektonischen „Bausteinen" reflektiert und das fragile, vergängliche, lebendige Material mit dem abstrakten, konstruierten Ideal konfrontiert.

 

Präsentation: 5 Lambda-prints, 150 x 100 cm, diasec

 


 

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