2007

 

Fotgrafie von Alba D'Urbano mit ihrer Mutter Film still aus Bellissima: Anna Magnani und Tochter

 

Bellissima Schwebender Ring führt das Mutter-Kind-Motiv von Politecnico weiter und verbindet zeitgeschichtliche Erinnerung mit persönlichen Momenten. In der Videoinstallation Orbit wird die Erinnerung an das Motiv eines Kindheitsfotos (Mutter Pina Baldacci und Tochter Alba) in einem Auftritt von Tina und ihrer Tochter Teresa, gefilmt von Alba, wieder belebt. Das Schwarz-Weiß-Bild aus dem Familienalbum der Familie D'Urbano wurde etwas später als der Film „Bellissima“ von Visconti aufgenommen und zeigt Mutter und Tochter vor dem damals neu gebauten Travertin-Brunnen auf dem zentralen, im Krieg bombardierten Platz, der kleinen Stadt Tivoli, nahe Rom. Der Ort der performativen Inszenierung heute, der Brunnen am Strausberger Platz, wurde ungefähr zur gleichen Zeit erbaut, zu der auch das Familienfoto in Tivoli entstand.

Tina nimmt analog zu Albas Foto eine Handlung aus ihrer Kindheit auf: an Denkmälern, auch Brunnenskulpturen herumstehen und fotografiert werden, das Bauwerk in Besitz nehmen, auf Rändern laufen. Die Tochter macht selbstverständlich mit. Ausgefeilt bzw. choreographiert wird der Auftritt von Mutter und Tochter, indem das Spiel relativ lang und streng seriell vorgeschrieben ist, die Brunnenumrundung wird im Marschierschritt unternommen, vor der Kamera werden die Augen nach rechts und links gerichtet, Erinnerungen an den Ort und prägende Rituale (verbunden mit den sozialistischen Aufmärschen in der Karl-Marx-Allee und den Ausrichtungen im Sportunterricht) werden wachgerufen, verlieren sich dann aber wieder in der zeitgenössischen Verortung im Hier und Jetzt, in den individuellen Reaktionen der Tochter.

Die Aktion wurde mit einer Soundkomposition aus Versatzstücken eines „Oktoberklub“-Songs von 1967 hinterlegt. Die DDR-Politband „Sixies“ verband sozialistische Polittexte mit Gitarre lastigen Folksongelementen. Beim Marschieren auf dem Rand des Brunnens fiel Tina Bara plötzlich Rhythmus und Textzeile „Sag mir wo du stehst, und welchen Weg Du gehst“ ein, ein Ohrwurm ihrer Kindheit.

 

In den Videostücken von Posa treten Mutter und Tochter wie für ein Foto in Pose vor die laufende Kamera und schauen einfach nur in ihre Richtung. Im Zusammenhang mit den Handlungen wird der Ort analytisch präsentiert.

 

Der Brunnen mit dem „Schwebenden Ring" (1967 von dem Kunstschmied Fritz Kühn entworfen und gebaut) steht mitten auf der Verkehrsinsel eines Kreisverkehrs, der die Mitte des Strausberger Platzes einnimmt. Normalerweise ist die Fläche mit dem großen Brunnen für Fußgänger nicht zugänglich, insofern bedeuten die temporäre Besetzung und Benutzung des Areals auch eine mögliche Handlungsanweisung zur Aneignung des Ortes. Der vom Stararchitekten der DDR, Hermann Henselmann, entworfene Platz (1951–64) mit seinen an den sowjetischen Neoklassizismus angelehnten Gebäudekomplexen, mit einem Resthauch der Moderne, gehört heute zu den neu zu entdeckenden Sehenswürdigkeiten Berlins und erlebt eine Renaissance: Im Haus des Kindes befinden sich statt des ehemaligen Kellertheaters und Cafés ein Designshop für Interieur, das Haus Berlin beherbergt im Erdgeschoss eine Bank. Hinter den prunkvollen großen Ladenschaufenstern siedeln sich neue Mieter an: Galerien, die Kunst anbieten.

 

Von dem Geschehen um sie herum unbeeindruckt zeigt ein kleines Display mit dem Videostück Wasserspiele, wie die Tochter in einer Marschpause akribisch ihre Puppe kämmt und ihr Zöpfe flicht. Die Prozedur wird von Wasserrauschen und einem an- und abschwellenden Wortstrom begleitet, der lediglich das Wort „bellissima“ moduliert. Eine Referenz an das Video von Marina Abramović „Art must be Beautiful“ schwingt unwillkürlich mit.


 

 

Präsentation:

Posa 
Video Loop HDV, Flatscreen, 23’

 

Orbit (Installation)
Video Loop, HDV, Beamerprojektion, Sound, ca. 20’ 
Leuchtkasten mit s/w Fotografie, 31,7 x 23 x 8,8 cm

 

Wasserspiele
Video Loop, Pal, Ton, ca. 22’

 

 


beamer projektion

flachbildschirme (Tina mit Teresa)

kleiner monitor (Teresa mit Tina)

hauptprojekt